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Fallbeispiel 1
Streit um den Einbau einer Liftanlage

Klientensystem / Konfliktlandschaft:
Wohnungseigentümer-9 Parteien einer  Wohnhausanlage und Hausverwaltung

Eskalationsstufe:
zw.  4 und 5 nach Glasl
Fehlinterpretationen, Empathie ging verloren, manövrieten einander in negative Rollen und bekämpften sich verbal, Isolation, sozialer Autismus, Koalitionsbildungen

Welche Streitpunkte standen offiziell im Vordergrund:
Lifteinbau: dessen Notwendigkeit, die Kosten und die zu erwartenden Folgekosten. Darüber hinaus entstehende Erschwernis, in nächster Zeit aufgrund eines ausgeschöpften Instandhaltungsfonds weitere, dringende Sanierungsprojekte im Haus realisieren zu können.

Der Konflikt bestand darin, dass
die Bewohner des EG und 1.OG den Standpunkt vertraten, dass für sie der Lifteinbau keinen Zweck erfüllt sondern nur Kosten bedeutet und außerdem,  in den letzten dreißig Jahren die Bewohner auch ohne Liftanlage zurechtgekommen sind. Die Bewohner in den oberen Stock- werken (2.OG, 3.OG und DG) vertraten hingegen den Standpunkt, dass ein Lifteinbau gesteigerte Lebensqualität und ja auch eine Wertsteigerung für alle im Haus bringen und somit dem heutigen Standard entsprechen würde.

Konfliktvorgeschichte:
Die Hausverwaltung hatte zu einer Hausversammlung  zum Thema "Lifteinbau" eingeladen. Es wurde deutlich, dass sich die Bewohner in zwei Gruppen spalten - Gruppe Befürworter und  Gruppe Gegner. Bei der Hausversammlung, die Hausverwaltung präsentierte eine ungefähre Kostenschätzung, kam es nach Abfragen der Meinungen zum Projekt zu einem Aufeinanderprallen der Standpunkte und zur Eskalation. Die Hausversammlung wurde ohne weiteren Beschluß abgebrochen. In der Folge verschärfte sich dieituation in der Wohnhausanlage und die Bewohner gingen sich aus dem Weg oder sind wegen Kleinigkeiten in heftige Auseinandersetzungen verfallen. Anfangs versuchte die Hausverwaltung zwischen den Gruppen zu vermitteln, scheiterte jedoch dabei und schlug den Bewohnern vor, einen neutralen Dritten, einen Mediator einzuschalten um im Rahmen eines Mediationsverfahrens die Angelegenheit zu behandeln.

Kurzauszug des Mediationsverfahrens

Phase 1:   Mediationsbeginn, Arbeitsvereinbarung, Darstellung -Sichtweisen der Konfliktparteien
Zur Mediationssitzung sind alle Wohnungseigentümer erschienen. Zum Großteil jeweils zu zweit. Am Beginn des Mediationsverfahrens konnten wir uns darauf einigen, dass jeweils nur eine Person im Kern der Mediation agiert. Im Setting wurden die zwei formierten Interessensgruppen deutlich sichtbar. Nach Vereinbarung des Arbeits- bündnisses und der Gesprächsregeln stellten sich die anwesenden Teilnehmer den Mediatoren vor und dies gleich mit jeweils dem ersten Statement in der Sache.

Phase 2: Themenkatalog - Regelungspunkte, Prioritätenliste
Bei der gemeinsamen Erarbeitung des Themenkataloges - der Regelungspunkte wurde ein bis zu diesem Zeitpunkt für uns nicht bekannter Konflikthintergrund sichtbar. Bereits in zwei früheren Hausversammlungen wurde von der Gruppe der Bewohner aus dem EG und 1. OG der Wunsch über den Um- und Ausbau des bestehenden Trockenraumes im Kellergeschoss thematisiert (in 3 von den 4 Wohnungen leben Familien mit Kindern). Diese Bewohner nützen den Trockenraum hauptsächlich. Die Fläche des Raumes ist jedoch zu klein und in den Herbst- und Wintermonaten sowie im beginnenden Frühjahr trocknet die Wäsche äusserst schlecht, was immer wieder zu Unstimmigkeiten führte. Es ist über diesen  Punkt in den Hausversammlungen nie zu einem positiven Beschluss gekommen, da die Bewohner der oberen Stockwerke den Trockenraum kaum bis nie benützen, aufgrund der ständigen Auslastung durch die Bewohner der unteren Stockwerke.

Phase 3: Tatsächlicher Konflikthintergrund wird sichtbar
Von den Eigentümern des EG und 1. OG wurden in der Ablehnung zum Lifteinbau die Notwendigkeit, die Kosten und die zu erwartenden Folgekosten, sowie die Erschwernis, in nächster Zeit weitere, dringende Sanierungsprojekte im Haus realisieren zu können, in den Vordergrund gestellt.
Der nun sichtbar gewordene Kern des Konfliktes ist aber darin zu sehen, dass die Bewohner des EG und 1. OG mit ihrem Ansinnen, den Trockenraum im Kellergeschoss zu vergrößern und umzugestalten, sich nie richtig wahrgenommen fühlten, da dieses von den Bewohnern der oberen Stockwerke nie positiv aufgegriffen wurde. Die Kom- munikation war gestört, der Konflikt schwelte und kam mit dem Thema "Liftanlage" nun wieder zum Vorschein.

Phase 4: Interventionsphase
In unserer Konflikttheorie sahen wir nun klarer das eigentliche Zentrum des Konfliktes und einen möglichen Ansatz, durch das Heranführen und die Vertiefung beider Parteien in ein gemeinsames Gespräch über diesen zentralen Punkt. Die nachfolgende Auseinandersetzung der Konfliktparteien gab unserer Annahme recht. Die Gesprä- chsfreudigkeit nahm zu und wir spürten, dass die Konfliktparteien den Blick von der Vergangenheit allmählich in die Zukunft richteten und nach praktikablen Lösungen Ausschau hielten. Das Eis war irgendwie gebrochen und der gemeinsame Such- und Findeprozess war voll im Gange.
Ein Eigentümer hatte zur Unterstützung des Gesprächs einen Hausplan dabei und kam im Laufe des Gespräches beinahe nebenbei auf die Idee, doch den Trockenraum in den noch unausgebauten Dachraum, neben der jetzt befindlichen Garconniere, einzurichten. Diese Nebenbeiidee wurde sofort aufgegriffen und mit zunehmender Begeisterung aller Hauseigentümer weitergespielt.Die Vorteile lagen auf der Hand. Die Parteien würden sich einen Trockenraum mit doppelter Fläche schaffen, der dann wieder von allen genützt werden könnte und um diesen auch komfortabel vom EG und 1.OG zu erreichen wäre eine Liftanlage sinnvoll.

Phase 5: Erzieltes  Ergebnis
Die Konfliktparteien konnten sich nun darauf einigen, dass sie die sich anbietende Dachraumfläche zu einem Trockenraum adaptieren wollen. Der Dachraum bot zudem die Möglichkeit, einen Heizkörper vorzusehen und wies durch ein vorhandenes Dachfenster eine gute Be- und Entlüftung auf.
Die Kosten für den Lifteinbau und die Neuadaptierung des Trockenraumes  würden nur unwesentlich steigen, da sich einige Eigentümer darauf verständigen konnten, mögliche Umbau-/Vorbereitungsarbeiten für den Trockenraum, in Eigenregie durchzuführen. Zudem würde durch den alten Trockenraum ein weiterer allgemeiner Kellerraum als Abstellfläche gewonnen, was wiederum, so stellte sich heraus, insgeheime, bis jetzt nie verbalisierte Wünsche einiger Bewohner befriedigen konnte.

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